121 Jahre GBK – Gedanken von Senator Hermann Kroll-Schlüter

1905: 200 Häuser feiern in Belecke ihren 100. Geburtstag nach dem Brand im Jahre 1805. Das gesellschaftliche Leben wird bestimmt vom Schützenverein seit 1712, vom Gesangverein „Pankratius“ seit 1860, vom SGV seit 1897, vom Turnverein seit 1849 und vom Ziegenzuchtverein seit 1903.

In diesen Jahren 1905 traten die “Belecker Fastnachtsjecken“ erstmalig in geschlossener Form an die Öffentlichkeit. Man veranstalte am Fastnachtsdienstag einen zukünftigen Umzug, in dem die markantesten Geschehnisse des verflossenen Jahres glossiert wurden.

Am 7. März 1905 erschien auch die erste Ausgabe der Fastnachtszeitung „Belecker Generalanzeiger“. Schon in der ersten Mitteilung hieß es: „Sollte sich jemand durch den Inhalt dieser Zeitung beleidigt fühlen, so erklären wir hiermit feierlich, dass stets eine andere Person gemeint ist!“…

1906: Es spielte die Kapelle „Korff“ – später benannt „Kapelle Kurz und Klein“. Im gleichen Jahr erschien die karnevalistische Zeitung mit dem Untertitel „Amtliches Organ für die Belecker Narrenzunft“. Chefredakteure waren „Spiggewitt“ (Weitspucker) und der „sanfte Heinrich“. Aus diesem Jahr stammt auch das erste offizielle Belecker Karnevalslied „An der Möhne Strand“.

1907 erklang das uralte Belecker Karnevalslied „He, Juchhe, am Karnevalstag ist schön…“ nicht. Aufgrund anonymer Schreiben – Grund war das Tragen echter kaiserlicher Uniformen beim Umzug im Jahr vorher (Majestätsbeleidigung)- wurde der Umzug polizeilich vom Amte Warstein verboten, daher bis heute die guten nachbarschaftlichen Beziehungen. Einzig die Karnevalisten fanden einen Ausweg, sie fuhren mit Pferdeschlitten über die Haarhöfe und endeten bei Haar Herm, heute Külbe 99. Da die Zugteilnehmer, die größtenteils bei der Union beschäftigt waren, am Dienstag nicht zur Nachtschicht erschienen, wurden sie drei Tage ausgesperrt und das bedeutete: Drei Tage keinen Lohn.

Es folgten Jahre und Jahrzehnte karnevalistischen Treiben, getragen von vielen Einzelpersönlichkeiten, originellen Akteuren und einfallsreichen Gruppen und Gemeinschaften. Sie alle zu nennen, wäre ihrer würdig, aber hier würde es den zeitlichen Rahmen sprengen. Nachzulesen ist es in Belecker Narrenschelle – Jubiläumsausgabe 1980. 

Der Karneval in Belecke feiert Jubiläum, er hat ein stolzes Alter erreicht und ist dabei dynamisch und jung geblieben. Der Brauch, Karneval oder Fastnacht zu feiern, ist sehr alt und kommt aus dem 13. Jahrhundert, man wollte den Winter vertreiben, die bösen Geister, die das Wachstum und die Ernte bedrohen, sollten verscheucht , die guten Geister, die den Frühling bringen, sollten geweckt werden. 

Karneval ist vom kirchlichen Fastengebot nicht zu trennen. 1091 legte ein Konzil den Aschermittwoch als Beginn der Fastenzeit fest. Das war geschickt, denn so machte die Kirche angesichts der in dieser Jahreszeit zur Neige gehenden Wintervorräte aus der Not eine Tugend und deutete das Darben gottgefällig um.

Ein großes Festessen, bei dem die weltlichen und geistlichen Herren ihre Bediensteten bewirteten, war wohl der älteste Fastnachtsbrauch. Dann kamen öffentliche Lustbarkeiten hinzu: Adel und städtisches Patriziat organisierten Turnierspiele, das Volk ergötzte sich an Mummenschanz. Doch nicht selten kam es, wenn die Masse außer Rand und Band war, zu Mord und Totschlag. In Basel wurden 1376 vier Adelige getötet – wofür 12 Baseler Bürger mit ihrem Kopf büßen mussten(Wie so oft, die Verhältnismäßigkeit wird missachtet). Die Obrigkeit befahl daher die Fastnachtsfeier weg von der Straße in die Zunfthäuser und Gastwirtschaften, wo man schmauste und Bühnenstücke aufgeführt wurden – die Nürnberger Fastnachtsspiele des 15. und 16. Jahrhundert legten davon Zeugnis ab.

Die heute dominierende Form des Karneval mit der Mischung aus Sitzung, Straßenumzug und Kneipenfest, entwickelte sich Anfang des 19. Jahrhunderts.

Karneval feiert man vor allem in katholischen Gebieten. Im protestantischen Norddeutschland dagegen starb der Karneval aus, weil die Reformatoren das Fastengebot aufhoben, womit die Fastnacht ihren religiösen Hintergrund verlor. Sie hielt sich nur in Exklaven wie dem thüringischen Wasungen. Luther wetterte gegen die Fastnacht, die katholische Kirche machte sich das Fastnachtstreiben zunutze. Sie deutete es als Symbol des Kampfes zwischen Christ und Antichrist, zwischen dem Reich Gottes und der vergänglichen irdischen Pracht, als Weltendrama, spielbar von Jedermann auf den Plätzen und Gassen und mit dem Sieg des Guten zum Schluss. Symbolisiert im verbrennen einer Fastnachtspuppe in der Nacht auf Aschermittwoch: Das Böse wird zu Grabe getragen. 

Im Karneval ist die gewohnte Ordnung aufgehoben, dass gilt bis Heute. Die Macht geht über auf die närrische Gegenregierung unter seiner Tollität Prinz Karneval und seinem Kabinett dem Elferrat. Unter der Narrenmaske sind die Standesunterschiede aufgehoben und im Schutz des Karnevals darf man öffentlich die Obrigkeit vorführen. Unmäßiges Essen und Trinken wird toleriert, die sprachliche Normalität ist aufgehoben. 

Karneval ist ein komisches Fest. Wir lachen über die Unvollkommenheiten des Lebens, am liebsten über die Unvollkommenheiten anderer und noch lieber über die, die sich für Vollkommen halten. Und wo sind die am meisten zu finden – da oben. Deshalb müssen die da oben auch immer herhalten(ich weis wovon ich spreche). Auch deshalb weil Karneval eine antiautoritäre Grundausstattung besitzt. Es gab Zeiten, da war die Büttenrede das einzige Schlupfloch durch die Zensur. Und eine Nische. Wie in der DDR. Kommt einer ins Kaufhaus und fragt: „Haben Sie Teppiche?“ „Nein, keine Teppiche gibt’s eine Etage höher, hier gibt’s keine Schuhe“.

Der Belecker Karneval hat in 121 Jahren viele Systeme erlebt und überlebt: Diktatoren, Republiken, König- und Kaiserreich, gewaltsame und friedliche Revolutionen, Währungsverfall und Währungsunion, Trennung und Einheit, Selbstständigkeit und kommunale Neuordnung …

Karneval, erst recht unser heimischer Karneval, lebt nicht von gelernten Unterhaltungskünstlern. Er lebt vom Original (wie viel Namen müsste ich auch hier nennen) und der Spontaneität, von Bodenhaftung und regionaler Kultur. Vor allen Dingen ist er bis jetzt noch nicht der Gefahr der Perfektion erlegen. Denn wo die Perfektion triumphiert, da haben wir nichts mehr zu lachen. Karneval ist ein Fest für Amateure und nicht für Showprofis, ein Fest für Individualisten und Gruppen, Chöre und Vereine Immer wieder traten neue, charaktervolle Gruppen auf. Tief verwurzelt in ihrer Heimat, fleißig und gesellig. Sie hatten und haben nicht nur Hunger, sondern auch Durst. Sie plagt weder schrankenlose Intelligenz noch geistlose Tölpelei. Sie Ironisieren und parodieren, komponieren und musizieren. Sie sind die Tür zum gesunden Menschenverstand und damit zu Humor und Narretei.

In unserem heimischen Karneval bestimmen nicht irgendwelche Funktionäre, sondern ehrenamtliche Führungskräfte und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und sie tragen die Last der Verantwortung, sie stellen sich in den Dienst der Gemeinschaft. Die von Idealismus getragene Arbeit mit dem Ziel, dem Menschen Frohsinn zu bringen und die daraus wachsende Förderung des Gemeinsinns, können nicht hoch genug veranschlagt werden.

Karneval ist Stadtkultur. Er gedeiht in Mainz und Köln, Rom und Venedig, Nizza und Rio de Janeiro, in Belecke und Warstein, es gibt auch auf dem Dorf – in Allagen und Niederbergheim, Suttrop und Drewer, Uelde und Anröchte, Effeln und… Karneval in Belecke ist Stadt- und Dorfkultur. Belecker Karneval mit Tradition ist Karneval in Heimatverbundenheit und Heimatliebe. Jugendkarneval und Kindergarden haben einen hohen Rang und guten Ruf.

Wer die Heimat liebt, der weiß auch: Man muss nicht immer dableiben. Aber immer wieder kommen. Und gerne wiederkommen, auch, weil es den Karneval gibt, den heimischen Karneval. Er möge die Belecker Bürgerschaft, seine Nachbarn, Freunde und Gäste auch in diesem Jahrhundert erfreuen – begleitet und getragen von dem Ruf: Belecke Helau

Hermann Kroll-Schlüter

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