Das 8. Werkstattgespräch des Kultur- und Heimatvereins

Das Kloster Grafschaft, die Propstei Belecke und Abt Edmund Rustige
Werner Rellecke, Dresden/Belecke*
Teil 1
 
Am 21. Juni 2016 jährt sich der Todestag des letzten Abtes von Kloster Grafschaft, Edmund Rustige, zum 200. Mal. Aus diesem Anlass lädt der Kultur- und Heimatverein Badulikum e. V. am 3. Juni 2016 um 19:30 Uhr zu seinem 8. Werkstattgespräch in die Propsteikirche St. Pankratius nach Belecke ein. Alt-Abt Stephan Schröer aus der Benediktinerabtei Königs-münster wird in Erinnerung an Edmund Rustige einen Vortrag halten zum Thema “Benediktinische Tradition – Herausforderung für heute?”. 
 
Rustige wurde am 14. Februar 1746 in Erwitte geboren. Er lebte von 1804 bis zu seinem Tod im Zehnthof in Warstein. Er wurde 1816 in Belecke beerdigt und an der Propsteikirche beigesetzt. Sein Leben ist somit eng mit der Heimatgeschichte verbunden und erinnert an die große Bedeutung, die das Kloster Grafschaft für Belecke und Warstein spielte.

Grafschaft – das bedeutendste Kloster des Sauerlandes
Die Benediktiner-Abtei Grafschaft, das bedeutendste Kloster im kurkölnischen Sauerland, war 1072 als Tochtergründung der Siegburger Abtei Sankt Michael durch Erzbischof Anno II. von Köln (1010-1075) gestiftet worden. Die Gründungsurkunde ist nur in einer später angefertigten und veränderten Abschrift überliefert. Als original gilt aber diese Passage: „Folgende sind die Namen der Kirchen und Orte, welche ich (Erzbischof Anno von Köln, WR) zum Lebensunterhalte und zur Bekleidung der Mönche Gott und dem hl. Alexander als rechtmäßigen Besitz übergeben habe: … Von dem Zehnten zu Suesacen (Soest) 3 ½ Pfund. Bei Badelecche (Belecke) 8 Pfund.“ 
Im 10. Jahrhundert hatte die Burganlage in (Ober-)Belecke eine Stützpunktfunktion für das ottonische Königshaus besessen. Die Bedeutung der Belecker Propstei, die am selben Standort im 12. Jahrhundert eingerichtet wurde, kann als kirchenpolitisch und wirtschaftlich wichtige Außenstation der Grafschafter Abtei bezeichnet werden. In nächster Nähe kam später noch der Grafschafter Zehnthof in Warstein hinzu. Hier wie dort und auch im größeren regionalen Umfeld besaß das Kloster neben dem Zehntrecht (also dem Besteuerungsrecht) umfangreichen Grundbesitz und Mühlen. Ab dem 16. Jahrhundert kamen Hütten- und Hammerwerke sowie weitere Wirtschaftsbetriebe hinzu.
Portal der Propsteikirche Belecke mit dem Grafschafter Wappen
 
 
Belecke – Stadtgründung auf dem Propsteiberg
In Belecke besaß der Erzbischof und Kurfürst von Köln bereits seit dem 11. Jahrhundert ansehnlichen Grundbesitz. Zudem war er Landesherr, also politische Obrigkeit im staatlichen Sinne. Er gründete 1296 die Stadt auf dem Propsteiberg. Die Bürgerschaft der neuen Stadt Belecke musste ihm fortan den Treueid leisten. Die Abgabepflicht der Bürger bestand gegenüber dem Kloster Grafschaft und dem Kurfürsten.
Mit der Stadtgründung von 1296 erhielt das Kloster Grafschaft das Pfarrrecht für die Belecker Stadtbevölkerung. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten die Belecker, die noch in einer Siedlung im Bereich des heutigen Effelner und des Drewer Wegs lebten, zum Messbesuch nach Altenrüthen gehen. Der Propst und die auf dem Propsteiberg wohnenden Grafschafter Mönche nutzten aber bereits zuvor einen Kirchraum für ihre Stundengebete und Gottesdienste. 
Die Belecker Pfarrei war dem Kloster Grafschaft inkorporiert, was soviel bedeutet wie einverleibt. Deshalb war juristisch das Kloster Inhaber der Belecker Pfarrei. Praktisch nahm der Propst, der immer Grafschafter Mönch gewesen ist, auch die Funktion eines Belecker Stadtpfarrers wahr. Und die Propsteikirche erfüllte auch die Funktion einer Stadtpfarrkirche. Als (größter) Grundbesitzer besaß der Propst in seiner Funktion als Vertreter des Klosters Grafschaft auch das Belecker Bürgerrecht. Diese Verhältnisse blieben etwa 500 Jahre lang weitgehend unverändert.
Propsteikirche St. Pankratius Belecke
 
 
Die Säkularisation
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts veränderte die Säkularisation die Verhältnisse im gesamten Kurfürstentum Köln und damit auch im kurkölnischen Herzogtum Westfalen grundlegend. Unter Säkularisation versteht man die Enteignung von geistlichen politischen Herrschaften und Klöstern zugunsten weltlicher Herrscher. Bereits im Zeitalter der Reformation, seit dem frühen 16. Jahrhundert, waren in protestantischen Gegenden zahlreiche Klöster aufgelöst und weltlichen Zwecken zugeführt worden. Aber auch der katholische römisch-deutsche Kaiser Joseph II. (reg. 1765-1790) hatte – im Geiste eines aufgeklärten Absolutismus – in seinen habsburgischen Stammländern etwa 700 Klöster aufgelöst. 
Die geistlichen Herrschaften standen in dieser Zeit allgemein auf dem Prüfstand. Sie wurden von zahlreichen Zeitgenossen als antiquiert und als Hemmnis auf dem Weg zu moderner Staatlichkeit empfunden. Diese Stimmungslage fand in den antikirchlichen Strömungen der napoleonischen Fremdherrschaft, die Ende des 18. Jahrhunderts den ganzen nord-westdeutschen Raum umfasste, ihren Höhepunkt.
 
Das Ende des Kölner Kurfürstentums
Der letzte Kölner Kurfürst hieß Maximilian Franz von Österreich (1756-1801). Zu seinem Herrschaftsgebiet zählten unter anderem das Kölner Erzstift mit umfangreichen linksrheinischen Territorien, das Vest Recklinghausen und das Herzogtum Westfalen mit dem kurkölnischen Sauerland. Maximilian Franz war gleichzeitig auch Fürstbischof von Münster und Hochmeister des Deutschen Ordens. Er wuchs als 16. und jüngstes Kind des römisch-deutschen Kaisers Franz I. (reg. 1745-1765) aus dem Hause Habsburg und seiner Gemahlin Maria Theresia in Wien auf. Zu seinen Brüdern zählte unter anderem der oben erwähnte Kaiser Joseph II. (reg. 1765-1790). Mit dem Namen des letzten Kölner Kurfürsten sind zahlreiche Reformen verbunden: So modernisierte er das Justiz- und Finanzsys-tem, führte die allgemeine Schulpflicht ein und erhob 1786 die Bonner Akademie zur Universität. Der Vorwurf, Kirchenfürsten seien für Fragen der modernen Staatsorganisation ungeeignet, trifft auf ihn nicht zu.
Bereits im Herbst 1794 musste Maximilian Franz vor französischen Truppen fliehen und seine Bonner Residenz für immer aufgeben. 1800 gelangte er nach verschiedenen Zwischenstationen in seine Geburtsstadt Wien. Im Jahr darauf verstarb er im nahegelegenen Schloss Hetzendorf.
Maximilian Franz von Österreich, letzter Kölner Kurfürst 
 
 
Köln und das gesamte linksrheinische Deutschland waren bereits seit längerer Zeit französisch besetzt. Die Gebiete wurden 1801 im Rahmen eines Friedensvertrags dem napoleonischen Frankreich einverleibt. Kölner Kirchenbesitz auf der linken Rheinseite ging am 9. Juni 1802 in das Eigentum des französischen Staates über.
Ein Reichsgesetz vom 27. April 1803 bestätigte diese französischen Territorialgewinne und setzte den sogenannten Reichsdeputationshauptschluss in Kraft. Hiermit wurden insbesondere die Entschädigungen weltlicher Reichsfürsten für den Verlust linksrheinischer Gebiete durch katholisches Kircheneigentum geregelt. Es hieß dort, dass die „namentlich und förmlich zur Entschädigung angewiesenen Stifter, Abteyen und Klöster … mit allen Gütern, Rechten, Kapitalien und Einkünften“  an den jeweils neuen Lan-desherrn übergehen. Das bedeutete nicht weniger, als dass die neuen Landesherren auch weitgehend frei über das weitere Schicksal der Klöster in ihrem Herrschaftsgebiet entscheiden konnten. Das Herzogtum Westfalen fiel mit allen landesherrlichen Rechten an den Landgrafen Ludwig X. von Hessen-Darmstadt, den späteren Großherzog Ludwig I. von Hessen (ab 1806). Er löste nach und nach fast alle kurkölnischen Klöster auf.
Landgraf Ludwig X. von Hessen-Darmstadt
 
 
Pfarreien und Eigentum der Pfarrgemeinden waren hiervon jedoch nicht betroffen. Für Belecke ergab sich nun eine ganz besondere Konstellation, weil zwischen Propstei (ehemals Grafschafter Klostereigentum) und Stadtpfarrei (Pfarrgemeinde) unterschieden werden musste. Der kirchliche Grundbesitz der Pfarrpropstei wurde auf etwa 160 Morgen reduziert. Vormals gehörten zur Propstei etwa 320 Morgen, also 80 ha, von denen die Hälfte in Eigenbewirtschaftung, die andere als Pachtlacht verwaltet wurde.  Auch die Propsteimühlen bekamen neue Eigentümer. In der Praxis vermochten es die Belecker Geistlichen in den folgenden Jahren aber sehr gut, gegenüber dem Landesherrn den Charakter der Stadtpfarrei in den Vordergrund zu stellen – obwohl die tatsächlichen Verhältnisse zuvor eher umgekehrt gewesen waren. Propst Böckler schrieb hierzu: „Daß die Propstei Belecke im Sturme der Säcularisation 1802 bis 1804 der Aufhebung entging, ist allein dem klugen und entschlossenen Auftreten des Propstes Florentius Pape und seines Nachfolgers, des Propstes Beda Behr, zu verdanken. Es wurde nämlich von ersterem persönlich, und auch schriftlich durch seinen Vetter, den Geheim-Rath Pape von Warstein, der zugleich Syndikus und Lehnsrichter der Abtei Grafschaft war, gegen die Suppression protestirt, weil die Pfründe eine Pfarr-Propstei sei und die Säcularisations-Kommission die Beweise nicht beibringen konnte, was zum eigentlichen Propsteigute und was zum Pfarr-Einkommen gehörte.“ 
 
Das Ende einer reichen Klosterlandschaft im Sauerland
Im näheren Umfeld von Belecke hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter anderem noch folgende Klöster bestanden, die ab 1803 säkularisiert wurden:
Augustiner-Chorherrenstift Böddeken bei Büren, gegründet als Damenstift 836
Kanonikerstift Meschede, gegründet als Damenstift vor 860
Prämonstratenser-Kloster Wedinghausen bei Arnsberg, gegründet 1170/1173
Prämonstratenserinnen-Kloster Oelinghausen in Holzen bei Arns-berg, gegründet um 1174
Zisterzienserinnen-Kloster Himmelpforten am Möhnesee, gegründet 1246
Deutschordenskommende in Mülheim, gegründet um 1266, 1809 säkularisiert
Benediktinerinnen-Kloster Odacker bei Hirschberg, erstmalig erwähnt als Klause um 1484
Dominikanerinnen-Kloster Galiläa bei Meschede, gegründet um 1472
Jesuitenkloster in Büren, gegründet 1651
Franziskaner/Minoriten-Kloster Brilon, gegründet 1653
Franziskaner/Kapuziner-Kloster Rüthen, gegründet 1654
 
Bereits am 26. und 28. Oktober 1802 vollzog sich die „Zivilbesitzergreifung“ des Klosters Grafschaft durch den Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Die formelle Entscheidung zur Auflösung wurde am 17. Dezember 1803 beurkundet. Den damals 32 Mönchen räumte man eine Aufenthaltsfrist bis zum 21. März 1804, dem Todes- und Gedenktag des Or-densgründers Benedikt, ein. Nach mehr als 700 Jahren mussten die Benediktiner schweren Herzens ihre Lebens- und Wirkungsstätte aufgeben. Auch ihr letzter Abt, Edmund Rustige, verließ nun Grafschaft und bezog – mit Erlaubnis des Landgrafen – den Zehnthof in Warstein. Carl Böckler, Propst in Belecke von 1850 bis 1868 schrieb hierzu: Mit Abt Edmund Rustige „pflegten sich die zerstreuten Ordensbrüder, von denen die meisten Pfarrstellen angenommen hatten, von Zeit zu Zeit auf der Propstei Beleke, als der einzigen von allen ihnen vom h. Stifter Anno herrührenden Gütern übriggebliebenen Zuflucht, zu versammeln, bis sie allmählich fortstarben“ .
Erlaubnisschreiben für Edmund Rustige, den Warsteiner Zehnthof beziehen zu dürfen (Schatzkammer Propstei)
 
 
 
Das Kloster Grafschaft, die Propstei Belecke und Abt Edmund Rustige
Werner Rellecke
Teil 2
 
Edmund Rustige, dessen 200. Todestag sich am 21. Juni 2016 jährt, war der letzte Abt des Klosters Grafschaft (1786-1804). Zum Kloster Grafschaft gehörte die Propstei Belecke als Außenstelle. Die Ernennung der Belecker Pröpste zählte zu den wichtigen Amtshandlungen der Grafschafter Äbte. Die Belecker Pröpste waren naturgemäß immer Benediktinermönche aus Grafschaft. Sie stammten in dieser Zeit – wie Abt Rustige selbst – oftmals aus Ortschaften, die in der näheren Umgebung von Belecke lagen: Gregorius Heidelmann, gebürtig aus Drewer und Propst von 1766 bis 1782, Kaspar Kropf, geboren in Olsberg und Propst von 1782 bis 1794, sowie Florentinus Pape, geboren in Hirschberg und Propst von 1794 bis 1802. Lediglich Beda Behr (Propst 1802-1830) stammte aus dem entfernteren Arfurt-Vilmar bei Limburg/Lahn. Er war der letzte Grafschafter Benediktinermönch, der als Pfarrpropst in Belecke wirkte. Die beiden letztgenannten Pröpste waren von Abt Rustige nach Belecke entsandt worden.
 
Der Lebensweg von Abt Edmund Rustige
Edmund Rustige war am 14. Februar 1746 in Erwitte geboren. 1767 trat er in das Benediktiner-Kloster Grafschaft ein. Hier legte er 1768 seine Profess, das Ordensgelübde, ab. 1772 folgte die Weihe zum Subdiakon, anschließend folgten die Weihen zum Diakon und zum Priester. Im Jahre 1782 wurde er Prior und damit Stellvertreter des Abtes. 1786 erfolgte seine Abtswahl. Sie wurde bestätigt von Erzbischof und Kurfürst von Köln Maximilian Franz von Österreich. Die Abtsweihe nahm der Kölner Weihbischof Karl Aloys von Königsegg-Aulendorf vor.
Gedenktafel für Propst Beda Behr und Abt Edmund Rustige an der Belecker Propsteikirche
 
 
Rustige konnte nicht verhindern, dass das uralte Grafschafter Kloster im März 1804 aufgelöst wurde und die prächtige Klosterkirche dem langsamen Verfall preisgegeben war. Er selbst erhielt von der hessischen Regierung ein Jahresgehalt von 2000 Gulden bzw. 1164 Thaler und 20 Silbergroschen.  Das war ein stattliches Jahresgehalt, mit dem es sich sehr gut leben ließ. Ein Aufenthalt in Grafschaft oder dem nahegelegenen Schmallenberg kam für Rustige aber offenbar nicht in Frage. Vielleicht waren die Erinnerungen an die große Grafschafter Geschichte vor Ort allzu lebendig. Er wählte Warstein als Ruhesitz und Wohnort. Hier bezog er gegen eine Jahresmiete von 60 Gulden den Zehnthof, der jahrhundertelang als Abgabestelle für die Grafschafter Abtei gedient hatte. 
Zusätzlich zu seiner jährlichen Pension waren Rustige noch einige Privilegien zuerkannt worden. Propst Böckler schrieb hierzu: „Dem Abte wurden … der lebenslängliche Gebrauch der kostbaren Prälaten-Insignien und besten Kirchenkleidungen bewilligt, die ihm gegen einen Revers ausgehändigt, nach seinem Tode aber von der Landesregierung an die von der Abtei Grafschaft abhängig gewesene propsteiliche Kirche in Belecke … geschenkt wurde“. 
Der Grafschafter Zehnthof in Warstein
 
 
Grafschafter Schätze gelangen nach Belecke
Heute beherbergt die Belecker Schatzkammer Propstei wertvolle Stücke aus dem ehemaligen Grafschafter Klostereigentum und dem Besitz Rustiges: Unter anderem zählen hierzu liturgische Gewänder aus dem 17. und 18. Jahrhundert mit der „ Goldenen und Roten Kapelle“. Letztere sind zwei vollständig erhaltene liturgische Prachtgewänder der Grafschafter Äbte. Des Weiteren handelte es sich um kostbarer Kelche und Monstranzen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert. Ein Prunkstück unter diesen Kostbarkeiten ist ein Abtskelch von 1509. Er gilt als einzigartiges Kunstwerk seiner Art im Sauerland.
Die „Rote Kapelle“, Prachtornat der Grafschafter Äbte, in der Schatzkammer Propstei
 
Der Grafschafter Abtskelch von 1509 in der Schatzkammer Propstei
 
 
Auch die Propsteikirche erhielt wertvolle Ausstattungsstücke aus Grafschafter Klostergut. Hierzu gehört unter anderem die Kommunionbank, eine Intarsienarbeit mit der Darstellung des Mannawunders, des Lebensbrunnens und der Speisung des Elias. Später kamen noch zahlreiche Bände der Grafschafter Klosterbibliothek hinzu. Sie werden heute zusammen als Sonderbestand in der Diözesanbibliothek Paderborn aufbewahrt und tragen dort den Katalogvermerk „Eigentum der Pfarrei Belecke“. 
 
Kloster Odacker bei Hirschberg
Dasselbe Schicksal wie Grafschaft ereilte auch das bereits seit 1513 von Benediktinerinnen geführte Kloster Odacker bei Hirschberg. Die letzte dortige Äbtissin war Maria Walburgis Köller. Sie wurde um 1731 in Belecke geboren, war die Schwester von Hermann Theodor Köller, Bürgermeister von Belecke, und Pater Ildephonsus Köller, Lektor im Kloster Grafschaft. Walburga Köller wurde 1763 Äbtissin in Odacker und blieb es bis zur Auflösung des Klosters im Jahre 1804. Von 1804 bis zu Ihrem Tode am 24. Februar 1805 lebte sie in Belecke bei ihrem Bruder Bürgermeister Köller. Äbtissin Walburga ließ die spätgotische Odacker Madonna und einen Altar in die Belecker Propsteikirche überführen.
Durch die Wirren der Säkularisation wurde Belecke somit zur neuen Heimat wertvoller Sakralkunstwerke. Sie zählen heute zu den wichtigsten Ausstattungsstücken der Propsteikirche und der Schatzkammer Propstei des Stadtmuseums. In ihnen lebt aber auch die Erinnerung an die Grafschafter Mönchsgemeinschaft und an die Nonnen von Odacker fort.
 
Benediktiner wirken weiter in Belecke
Zahlreiche Grafschafter Mönche und Benediktinerinnen aus Kloster Odacker bei Hirschberg hatten sich nach der Auflösung ihrer Klöster in Belecke und Umgebung niedergelassen. Wir können davon ausgehen, dass sie sich hin und wieder in Belecke trafen und zur Beerdigung Rustiges anwesend waren. Uns sind für 1816 folgende Grafschafter Mönche bekannt, die in Belecke wirkten :
1. Beda Behr, letzter Prior von Grafschaft, Pfarrpropst zu Belecke seit 1803, gestorben zu Belecke am 3. Juli 1830.
2. Theodor Ekard, Kaplan in Belecke von 1801 bis ca. 1808, Pastor zu Berghausen.
3. Anno Volmer, von 1808 bis 1823 letzter Benediktinerkaplan in Belecke, Pastor in Geseke, gestorben am 20. April 1851.
Der am längsten lebende Grafschafter Benediktinermönch war Benedikt Ratte. Er wurde Pastor in Langestraße und Dechant des Dekanates Rüthen, bevor er am 17. Oktober 1853 verstarb.
Die Belecker Pröpste Florentinus Pape (1794-1802) und Beda Behr (1802-1830) lenkten die Pfarrpropstei durch die schwierigen Zeiten der Säkularisation. Ihrem Geschick ist es zu verdanken, dass die aus Grafschaft in Belecke befindlichen und nach Belecke geretteten Besitztümer gesichert werden konnten. Bezeichnend ist die Tatsache, dass sich Beda Behr gegenüber der hessischen Obrigkeit stets als Pfarrer titulierte, im innerkirchlichen Bereich aber seinen Titel als Propst verwendete.
Erinnerungstafeln an der Belecker Propsteikirche
 
 
Abt Rustige findet in Belecke seine letzte Ruhe
Abt Edmund Rustige wurde am 25. Juni 1816 unter dem Turm der Belecker Propsteikirche beigesetzt. In dieser Zeit wurde der Kirchturm als Grabstätte bzw. Krypta für die Belecker Pröpste genutzt. 1834 wurden die Gräber verlegt und unter der damals neuerrichteten Sakristei beigesetzt. An der Ostwand der Propsteikirche erinnert heute noch eine große Gedenktafel an Edmund Rustige, den letzten Abt von Grafschaft, und Beda Behr, den letzten Benediktinerpropst von Belecke. Eine weitere Tafel enthält die Namen weiterer ebenfalls hier beigesetzter Belecker Pröpste. 
 
Porträt Edmund Rustiges in der Schatzkammer Propstei
 
 
Auf einem Porträt Rustiges, das zur Belecker Schatzkammer gehört, sind seine wichtigsten Lebensdaten vermerkt:
geboren am 14. Februar 1746 in Erwitte;
zum Abt gewählt am 17. Oktober 1786 in Kloster Grafschaft;
gestorben am 21. Juni 1816 in Warstein (Zehnthof).
 
Zum Gedenken an den 200. Todestag des letzten Grafschafter Abtes und zur Erinnerung an die große benediktinische Tradition an Wester und Möhne lädt der Kultur- und Heimatverein Badulikum e. V. am 3. Juni die interessierte Öffentlichkeit herzlich in die Propsteikirche ein. Um 19:30 Uhr wird Alt-Abt Stephan Schröer von der Benediktiner-Abtei Königsmünster zum Thema “Benediktinische Tradition – Herausforderung für heute?”referieren
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*Der Autor dankt Herrn Joseph Friederizi, Belecke, für seine tatkräftige Unterstützung.
Die gefälschte Urkunde mit Datierung auf 1072 befindet sich im Staatsarchiv Münster unter der Signatur Kloster Grafschaft Nr. 1, die Bestätigungsurkunde von 1123/26 befindet sich im Staatsarchiv Münster unter der Signatur Kloster Grafschaft Nr. 2. Siehe hierzu: Friedrich Albert Groeteken, Die Benediktiner-Abtei Grafschaft , die Pfarrei Grafschaft und ihre Tochtergemeinde Gleidorf, o.O. 1957, S. 15ff.
Nach: Ernst Rudolf Huber/Wolfgang Huber, Staat und Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Dokumente des deutschen Staatskirchenrechts, Band 1, (Original Berlin 1990), Nachdruck Wiesbaden 2014, S. 19.
Walter Dalhoff, Pfarrpropstei Belecke, Westfälische Zeitschrift 92, S. 120.
Carl Boeckler, Geschichtliche Mittheilungen, Nachdruck, Warstein 1988, S. 7.
Boeckler, Mitteilungen, S. 16f.
Boeckler, Mittheilungen, S. 45.
Boeckler, Mittheilungen, S. 45.
Manfred Wolf, Die Säkularisation am Beispiel des Klosters Grafschaft, in: Sauerländer Heimatbund (Hrsg.), Vom Kurkölnischen Krummstab, S. 103f. Im Jahre 1804 waren nach Böckler, S. 45 insgesamt 30 Ordensprofessen und zwei Novizen zum Kloster gehörig.
 
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