Belecke 1961 – hohe Gewerbesteuereinnahmen

Belecker Busbahnhof

1961 besuchte ein Kamerateam des Senders Freies Berlin drei Tage lang Belecke, um über die eigenständige Stadt an Möhne und Wester einen Dokumentarfilm zu drehen. Einen Film der die Besonderheiten Beleckes widerspiegelt. Eine Stadt mit Idylle und Industrie, Romantik und solidem Reichtum, bäuerliche Lebensart und kulturellem Ehrgeiz. 

Lanfer und die ehemalige Lehrwerkstatt der Siepmann-Werke

Der Sellerberg war noch nicht bebaut, Lastkraftwagen beladen mit Steinen aus Warstein, fuhren zum Leidwesen der Belecker mitten durch die Innenstadt. Mehrmals täglich versperrten Eisenbahnschranken am Wasserturm und an Stütings-Mühle die Weiterfahrt. Zig Muldenkipper, voll beladen mit Kalksteinen aus Warsteiner Steinbrücken, gezogen von Dampflokomotiven, transportierten diese in die nahen Zementwerke nach Erwitte und Beckum oder zur Weiterverarbeitung in die Industriemetropolen. Schmiedelärm von der Gesenkschmiede der Siepmann-Werke taten ihr übriges dazu und unzählige Personenwagen sowie Doppelstockbusse brachten Pendler an ihre Arbeitsplätze und verursachten ebenso Lärm und Schmutz.

Doppeldeckerbus auf der Möhnebrücke, im Hintergrund Haus Plesser, es wurde später wegen Erweiterung der Kreuzung abgerissen.

Doch Idylle war schon einige Meter von der Bundesstraße entfernt zu erleben. Aus heutiger Sicht gehörte das Sägegatter und Getreidemühle von Müller Beda Stüting dazu. Und Zeit zum Plaudern nahm sich Beda Stüting gerne, besonders wenn Bürgermeister Josef Löbbecke zu ihm kam, um ein kleines Pröleken zu halten und Neuigkeiten auszutauschen. Haus Welschenbeck mit seiner parkähnlichen Umgebung am Ortsausgang Richtung Mülheim war für Spaziergänger ein lohnendes Ziel. Für Kinder ein Erlebnis, wenn sie die Enten auf dem Mühlengraben füttern durften. Ebenso gehörten die vielen Wanderwege im nahen Wald dazu. In der Altstadt mit seinen Fachwerkhäusern erlebte das Kamerateam wie ein Leiterwagen mit Heu entladen wurde ebenso spielende Kinder auf den Straßen. Im Konzertsaal der Siepmann-Werke gab es in unregelmäßigen Abständen Sinfoniekonzerte namhafter Künstler meist auch mit Rang. All dies bot Belecke schon vor 60 Jahren seinen Bürgern.

Dampflokomotive mit Steinwaggons an der Bundesstraße 55 zwischen Warstein und Belecke

Doch warum besuchte das Kamerateam des Senders Freies Berlin Belecke? Vielleicht lag es daran, dass der AEG-Konzern bis im zweiten Weltkrieg in Berlin ansässig war, aber dort nicht mehr produzieren konnte? Oder weil in Belecke in den drei Werken, AEG, Gesenkschmiede und Armaturenwerk fast 4000 Männer und Frauen arbeiteten? 

Die AEG, hier boomte es in den 1960er Jahren.

Feststeht, dass nach dem Krieg eine Teildemontage als Reparationsleistung unter der Aufsicht eines englischen Offiziers bei den Siepmann-Werken durchgeführt wurde. Und dadurch standen zwei ehemalige Produktionshallen leer. Wie es der Zufall wollte, suchten zu diesem Zeitpunkt Berliner AEG-Mitarbeiter passende Gebäude, um mit einer neuen Produktion ihrer Halbleiter-Gleichrichter zu starten. Bahnanschluss und die Bundesstraße 55 in unmittelbarer Nähe, alles ideal für einen Produktionsstart. Die Hallen wurden zunächst gemietet und schon einige Jahre später weitere Produktions- und Verwaltungsgebäude gebaut. 1961 arbeiteten dort über 2000 Menschen, mit einem großen Frauenanteil. Großzügig angelegte Parkplätze boten Platz für die Autos der Mitarbeiter, es waren überwiegend VW-Käfer und Ford Taunus. Doch nicht jeder konnte sich von seinem Lohn oder Gehalt ein eigenes Auto leisten. Ein Großteil der Arbeiterinnen und Arbeiter aus den Nachbarorten kamen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, überwiegend in Doppeldeckerbussen in die Belecker Industriewerke. In dem Film von 1961 heisst es: „Bei den Siepmann-Werken arbeiten eingesessene Westfalen bei der AEG die Zugezogenen aus dem Osten“. 

In diesem Gebäude von Stütings-Mühle war die Getreidemühle untergebracht, 1964 folgte der Abriss.

Doch den Beleckern machten Lärm, Unruhe, Russ und ein endloser Zug von Steintransporten mit großstädtischen Ausmassen ohne Aussicht auf eine Umleitung Sorgen. Trotzdem hatten sie Glück. Belecke war mit seiner Industrie, der AEG und den Siepmann-Werken mit Gesenkschmiede und Armaturenwerk die größten Arbeitgeber in der Westerstadt. Und das verblüffende war, dass hier die Gewerbesteuereinnahmen pro Kopf der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen an zweiter Stelle nach Leverkusen lag. Keine andere Stadt mit so einer geballten Industrie gab es 1961 in Nordrhein-Westfalen. Sicherlich war dies der eigentliche Grund des Senders Freies Berlin Belecke zu besuchen und diesen bis heute beeindruckenden Film zu drehen und für die Nachwelt zu dokumentieren.

Das moderne Verwaltungsgebäude der AEG

Trotz dieser hohen Gewerbesteuereinnahmen stieg es dem Belecker Stadtrat mit seinem Bürgermeister Josef Löbbecke nicht in den Kopf. Sie planten die Bebauung des Sellerbergs und nicht nur die Pendler konnten hier Grundstücke für ein Eigenheim kaufen. Anfang der 1960er Jahre war hier ein wahrer Bauboom für Eigenheime und Mehrfamilienhäuser. Im gleichen Jahrzehnt wurde die Realschule mit Lehrschwimmbecken gebaut, das Freibad in den Möhnewiesen leider geschlossen und die AEG vergrösserte sich stetig. Weil so viele Menschen in Belecke wohnten, war für die Katholiken die Propsteikirche schlicht weg zu klein geworden und so baute man Anfang der 1960er Jahre die Heilig-Kreuz-Kirche an die Linnhoffstraße, heute Adolf-Kolping-Straße. Die Planungen für eine Entlastung der Bahnhofstraße schritten voran, aber mit der endgültigen Umsetzung dauerte es noch weitere 43 Jahre bis der Durchstich zur Freude der Belecker Bürger für Entlastung sorgte. Heute kann sich jeder den Dokumentarfilm auf der Belecker Seite ansehen, einen passenden QR-Code ermöglicht dies sehr schnell

Belecker Freibad an der Mülheimer Straße
Doppeldeckerbusfan Alfred Müller aus Warstein schickte mir dieses Foto zu – DANKE

Text und Repros: Michael Sprenger

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