Vortrag zum Thema Zwischen „Bullerbü und Agrarfabrik“ im Forum des Gymnasiums

Im Jahr werden im landwirtschaftlichen Betrieb Jesse 17000 Ferkel aufgezogen.

So wie vor einigen Jahrzehnten ein landwirtschaftlicher Betrieb geführt wurde, mit säen, ernten und viel Gottvertrauen sind vorbei. Gottvertrauen bleibt, aber es ist doch ganz anders. Viele Fragen,Vorschriften und Gesetze müssen die heutigen Landwirte und dazu gehört Hubertus Jesse, sehr genau beachten. Coronapandemie, Gesetzesänderungen, Gülle, digitale Werkzeuge, Tönnies und Westfleisch, und ganz aktuell die afrikanische Schweinepest. 

Hubertus Jesse, staatlich geprüfter Landweit, seit 1990 selbstständig, erläutert den fast 30 interessierten Zuhören im Forum des Europagymnnasium seine Situation, seinem Betrieb, der bis 1960 in der Belecker Altstadt angesiedelt war und nun seit 60 Jahren am Uelder Weg ansässig ist. Dieser Betrieb bewirtschaftet heute 160 Hektar Ackerfläche und baut für seine 560 Sauen Winterweizen, Raps, Wintergerste, Roggen, Sommergerste, Triticale, Silomais und Ackerbohnen an. Ein Großteil der Ernte verfüttert er direkt an seine Sauen und etwa 17000 Ferkel, die in einem Jahr hier geboren werden. Er selbst leitet denn Betrieb, dazu gehört ein Agrarbetriebswirt, ein Auszubildender und ein Praktikant. Alle Ackerarbeiten werden mit eigenen Maschinen bewirtschaftet, nur Mähen und Gülleverteilung übernehmen Lohnunternehmen. 

Begonnen hatte alles 1960 mit elf Kühen und 60 Mastschweinen, 1970, nach einem Umbau, spezialisierte sich der Betrieb mit 22 Kühen auf Milcherzeugung. Doch bereits ein Jahr später verdoppelte sich die Ackerfläche auf 60 Hektar mit jetzt 380 Mastschweinen. Erst 1978 gabsein Vater Hubert Jesse die Milchproduktion ganz auf und schaffte 400 Sauen an, um die Produktivität zu erhöhen. Eine Herausforderung war in dieser Zeit die angefallene Güllemenge, die Lagerkapazität war klein und diese durfte nur zu bestimmten Zeiten auf die Felder aufgebracht werden. „Heute ist der hohe Nitratgehalt im Erdreich ein großes Problem. In der Gülle selbst ist nur Ammoniak und erst im Boden wird mit Nitrit das gefährliche Nitrat. Bei Temperaturen um 20 Grad Celsius wird in nur einem Tag daraus Nitrat, bei Temperaturen um 5 Grad dauert dieser Prozess sechs Wochen. Heute hingegen wird die Gülle effektiver auf die Ackerflächen verteilt“, erklärt Jesse seinen Zuhörern. 

Eine weitere Problematik sei der Pflanzenschutz, mit ihm müsse der Landwirte Ungräser und Pilzkrankheiten bekämpfen, diese gehe nicht anders, so Jesse. So müssen beim Weizen bis zu fünf verschiedene Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, beim Mais reicht ein Einsatz von Herbiziden. 

1990, nur wenige Tage vor dem Mauerfall übernahm Hubertus Jesse den Betrieb von seinem Vater Hubert. Die Herausforderungen wurden größer, Mitbewerber aus den neuen Bundesländern und aus Osteuropa kamen auf den Markt. Eine Entwicklung die sich bis heute fortgesetzt hat bis zur wirtschaftlichen Orientierung am „Weltmarkt“. 

Seit einigen Jahren arbeitet der Betrieb am Uelder Weg nach der Initiative „Tierwohl“. Dazu wurde vor drei Jahren die Stallfläche um 30Prozent erweitert ohne mehr Tiere zu haben. Stallvorschriften wurden geändert und die Arbeitszeiten für die Mitarbeiter und Auszubildenden wurden attraktiver gestaltet. 

Beim Ausblick für die nächsten Jahre meinte Jesse: „Die Digitaltechnik wird vermehrt eingesetzt, die Düngung und Unkrautbekämpfung wird präziser und der Einsatz von Pflanzenschutzmittel wird optimiert, das geht nicht anders“. Zum Thema Kaufverhalten der Verbraucher meinte er: „Wir müssen auf gesellschaftliche Anforderungen reagieren, letztendlich wird der Bürger aber lieber das preisgünstigere Schweinefleisch kaufen als das vielleicht bessere und teuere. Schweine sind ein wirtschaftliches Risiko. Die Preise für Ferkel sind von März 2020 bis Oktober 2020 um mehr als die Hälfte gefallen, der Markt ist unübersichtlich“, fügt er hinzu und zeigte ein Foto von einem zehnstöckigen Schweinestall in China. Ob dort auch die Arbeiter wohnen, konnte er nicht bestätigen. 

Auf die Frage eines Zuhörers, ob er denn Futtermittel zukaufe, meinte Jesse, dass er theoretisch seine Tiere mit dem eigenen Futter ernähren könne, aber damit die Sauen und Ferkel genügend Eiweiss aufnehmen, müsse er geringe Mengen Soja- und Rapsschrot dazukaufen. Wenn seine Ferkel ein Gewicht von etwa 25 Kilogramm erreicht haben, werden sie schon seit über 25 Jahren an drei Mastbetriebe in direkten Umgebung verkauft. 

Für Hubertus Jesse steht fest, er ist gerne Landwirt. Jeden Abend mache er einen Rundgang durch seine Ställe, die dortige Atmosphäre sei sein Zuhause, hier fühle er sich seit seiner Kindheit wohl. Doch wie es in der Zukunft weitergehe, das könne er heute wirklich nicht sagen und beendete damit seinen einstündigen Vortrag. (msp)

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