Belecker kontrollieren ihre Grenzen

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Schnadegang Richtung Warstein und Sichtigvor am 19. August / Endrast an Stütings-Mühle

Der Schnadezug ist in zahlreichen Gemeinden, vor allem im Sauerland, ein wiederbelebter alter oder gar seit Jahrhunderten bestehender Brauch der Grenzbegehung. „Schnade“, niederdeutsch auch „Snat“ oder „Schnaod“, ist verwandt mit „Schneise“ und bedeutet Grenze.

Der Schnadezug findet statt am 19. August 2017. Treffpunkt ist um 10:00 Uhr an der Hl. Kreuz-Kirche. Näheres ist dem anliegenden Programm zu entnehmen. Das Foto zeigt die alte Belecker Stadtfahne bei der Schnad des Jahres 2014, getragen und begleitet von Schützenoffizieren. Die Fahne wird auch in diesem Jahr den Schnadegängern voran getragen

Zur Geschichte

Zurückzuführen sind die Rundgänge auf Streitigkeiten der Orte wegen angeblicher oder tatsächlicher Grenzverschiebungen. Früher dienten Waldschneisen, Bäche, Hecken oder Gräben als Grenzmarkierung. Bis zum 17. Jahrhundert dienten zur Markierung auch eigens gepflanzte Bäume, in die man mit der Axt ein Kreuz hineinschlug. Später ging man zur Verwendung von Grenzsteinen (Hutesteine) über. Diese bestehen häufig aus einem anderen Material als die Gesteine aus der Umgebung, damit man die Grenzsteine besser von den natürlichen Steinen unterscheiden kann. Um die Korrektheit der Gemeindegrenze zu kontrollieren, die Grenzmarkierungen freizuschneiden und den neuen Bürgern die Kenntnis über den Verlauf der Grenzen zu vermitteln, fand anfangs eine amtliche Grenzbegehung statt, die dann alle ein oder zwei Jahre wiederholt wurde und mit der Zeit zu einem Volksfest wurde. Vielerorts wurde und wird der Schnadezug zum Anlass genommen, Neubürger oder bekannte Personen der Stadt zu „poaläsen“. Dabei wird der zu „Poaläsende“ von einigen Schnadgängern („Schnadloipers“) angehoben und über einen Grenzstein gehalten. Dann lässt man sein Hinterteil („Ääs“) mehrmals leicht auf den Stein („Poal“) prallen. Damit soll dem Bürger symbolhaft der Standort des Grenzsteins nachhaltig bewusst gemacht, gleichsam eingebläut werden. 

Schnadezüge in Belecke

Aus der frühen Neuzeit sind fünf Belecker Schnadezüge urkundlich überliefert; tatsächlich werden es deutlich mehr gewesen sein. 1653 fanden sogar zwei Züge statt, einer am 7. Mai zwischen Belecke und Mülheim und einer am 28. Mai zwischen Belecke und Uelde, Effeln, Drewer, Rüthen und Körtlinghausen. Es ist davon auszugehen, dass man während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) auf eine Schnad verzichtet hat, so dass der Nachholbedarf in der Mitte des 17. Jahrhunderts groß war. Weitere Schnadgänge wurden am 5. Mai 1670 und am 5. Juli 1695 durchgeführt. Beide gingen die Grenzen zu Warstein ab, was darauf hindeutet, dass hier einmal mehr Klärungsbedarf im Zusammenhang mit dem Hameckestreit vorlag. Ein weiterer Schnadegang zwischen Belecke und Drewer ist in den Quellen für das Jahr 1743 belegt.

Verbot der Schnadezüge in Preußen

Nach der Einführung des Grundsteuerkatasters wurden die Schnadezüge in einer Verfügung des preußischen Innenministeriums vom 6. Juli 1817 für nicht mehr notwendig erklärt. Im „Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Arnsberg“ vom 3. Februar 1841 wurde der Schnadegang schließlich mit folgenden Worten verboten:

„Die an einigen Orten noch üblichen Grenz- und Schnadenzüge haben in der neueren Zeit, zur Verübung mehrerer grober Exzesse Veranlassung gegeben. Da derartige Züge in der jetzigen Zeit keinen Nutzen mehr gewähren, weil bei der vollendeten Katastrirung des Grund und Bodens eine Verdunklung der Grenzen nicht leicht möglich ist, eintretendenfalls aber ohne Theilnahme der einzelnen Gemeindeglieder von den Behörden gehoben werden kann, so werden diese bisher an einigen Orten noch übliche Grenzzüge, in Folge Bestimmung des Königlichen Ministerium des Innern und der Polizei ganz untersagt, und sämmtliche Ortsbehörden sowie die Königlichen Landrräthe unseres Bezirks hiedurch angewiesen, Niemanden zur Veranstaltung eines Grenzzuges, welcher die Begehung einer Jagd-, Gemarkungs- oder Gemeindegrenze durch die Gemeindeglieder oder sonstiger bei Feststellung der Grenzen nicht interessirter Personen zum Zweck hat, die Erlaubnis zu ertheilen.“
So geriet im preußischen Staat der Brauch des Schnadezuges vielerorts, nicht zuletzt auch in Belecke, in Vergessenheit.

Wiederbelebung der Schnadezüge in den 1970er Jahren

Nach über 150-jähriger Pause wurde 1971 wieder ein Schnadezug durchgeführt. Dieser führte vom „Alten Rathaus“ in der Altstadt an der östlichen und südlichen Belecker Gemarkungsgrenze entlang. Der Schnadezug 1973 führte dann an die westliche und nördliche Gemarkungsgrenze. Nach der kommunalen Neugliederung startete 1977 der erste Schnadezug, die “Waldschnad“, wieder entlang der östlichen und südlichen Grenze und 1979 folgte dann die „Feldschnad“ entlang der westlichen und nördlichen Grenze. Diese Schad endete dann am neuerrichteten „Grillplatz Unsohle“, der damit offiziell eröffnet wurde. In den folgenden Jahren fand dann am Samstag vor dem Belecker „Sturmtag“, bis auf besondere Ausnahmesituationen (z.B. Stadtjubiläen), alle zwei Jahre der Schnadezug statt. Dabei wurden im Wechsel die Belecker Grenzen in 2 Abschnitten kontrolliert:

Waldschnad: 

Start am Rathaus in der Altstadt – Möhnetal, Drewer Heide (Gehre) – Bohnenburg – entlang der Stockmecke – Überquerung der Wester – Hamecke – Bürschenholz – Lodenweg. Die Delegationen bzw. Vertreter aus Drewer, der Stadt Rüthen, Suttrop, des Freiherrn von Fürstenberg (Körtlinghausen), Warstein, des Baron von Nagel-Doornick und Sichtigvor wurden an den jeweiligen Halte – und Rastplätzen begrüßt.

Feldschnad:

Start am Rathaus in der Altstadt – an der Schützenhalle vorbei zum Schloss Welschenbeck – zur Haar, Uelder Mühlenweg / Grenzweg – Effelner Haar – Hof Molitor – Drewer Heide – Abschluss „Unsohle“ (Grillplatz). Die Schnadgänger treffen hier Vertreter bzw. Abordnungen der Familie von Nagel-Doornick, aus Mülheim, Uelde, Effeln, der Gemeinde Anröchte, aus Drewer, der Drewer Heide, und der

Stadt Rüthen.

Seit 2009 wird der Schnadezug in Belecke, organisiert vom Kultur- und Heimatverein BADULIKUM, im Sommer durchgeführt, wobei im Wechsel folgende drei Abschnitte der Belecker Grenzen kontrolliert werden, und zwar möglichst im Drei-Jahres-Rhythmus: 

Route 1: Von der St. Pankratius-Kirche bzw. dem "Alten Rathaus" vorbei an der Schützenhalle zum Schloss Welschenbeck ( Mülheimer Grenze ), von dort auf die Haar zur Uelder und zur Anröchter bzw. Effelner Grenze und den Drewerweg hinunter zum Schlussrastplatz "Stütings-Mühle"; 16. August 2009

Route 2: Von der Külbenkapelle über die Haar hinunter ins Möhnetal zur Rüthener bzw. Dreweraner Grenze, von dort vorbei an der Bohnenburg ( Körtlinghauser und Suttroper Grenze ) ins Westertal und durch die Altstadt zum Schlussrastplatz "Stütings Mühle"; 23. August 2014

Route 3: (diesjährige Route): Von der Hl. Kreuz-Kirche zur Hamecke (Warsteiner Grenze), von dort durch den Wald zur Sichtigvorer Grenze, dann bis zum Lodenweg und vorbei an der Schützenhalle zum Schlussrastplatz "Stütings Mühle"; das ist die diesjährige Route. 

Der Schnadezug findet statt am 19. August 2017. Treffpunkt ist um 10:00 Uhr an der Hl. Kreuz-Kirche. Näheres ist dem anliegenden Programm zu entnehmen. Das Foto (von Michael Sprenger) zeigt die alte Belecker Stadtfahne bei der Schnad des Jahres 2014, getragen und begleitet von Schützenoffizieren. Die Fahne wird auch in diesem Jahr den Schnadegängern voran getragen.

Alle Bürgerinnen und Bürger aus Belecke und all` seinen Nachbarorten - ob alt oder ob jung, ob neu zugezogen oder alt eingesessen - sind herzlich zur Teilnahme eingeladen.

Text: Dr. Thomas Schöne

Foto: msp

 

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